Forscher: Zu wenig nach Coronavirus-Mutationen gesucht

Dass die neue, besonders ansteckende britische Coronavirus-Variante B.1.1.7. in Deutschland noch nicht nachgewiesen wurde, könnte laut Wissenschaftlern damit zusammenhängen, dass hierzulande kaum systematisch nach solchen Mutationen gesucht wird.

Eine Umfrage des SPIEGEL unter allen virologischen Instituten der deutschen Universitätskliniken, auf die 16 Institute antworteten, hat ergeben, dass Forscher hier großen Handlungsbedarf sehen. Jörg Timm, Direktor des Instituts für Virologie an der Uniklinik Düsseldorf, entschlüsselt pro Woche die Erbgutsequenzen von 20 bis 30 Proben – und gehört damit laut der Umfrage schon zu den Spitzenreitern. Timm sagte dem SPIEGEL: »Unsere Untersuchungszahlen reichen bei Weitem nicht aus, um auszuschließen, dass die VOC-202012/01- Variante möglicherweise schon in Düsseldorf zirkuliert.«

In Großbritannien hingegen verfolgt seit Beginn der Pandemie ein nationales Genom-Sequenzierungs-Konsortium detailliert, wie sich das Virus dort ausbreitet und verändert. Bei mehr als 137000 positiven Proben wurde bis November bereits die Genomsequenz entschlüsselt – das sind etwa zehn Prozent der Corona-Fälle. In Deutschland dagegen sind es nach Angaben von Clemens Wendtner, Chefarzt an der München Klinik Schwabing, weit weniger als ein Prozent. »Nur durch stringentes Testen ist es den Briten gelungen, diese neue Variante zu erkennen«, sagte Wendtner dem SPIEGEL.

Eine japanische Studie zeigt, dass Großbritannien und die USA gemeinsam mehr als die Hälfte der weltweiten Information über die Genomsequenzen des neuartigen Coronavirus beitragen. Deutschland lag dagegen bis September nur knapp vor Panama und Bangladesch. »Die neue Virusvariante sollte eine Warnung an alle Regierungen der Welt sein«, sagt Devi Sridhar, Professorin für Global Health Governance an der University of Edinburgh und Beraterin der schottischen Regierung, dem SPIEGEL. »Eigentlich bin ich immer optimistisch – aber jetzt mache ich mir große Sorgen.«

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